24
Dez
2008

Das Jahr des Cloud Computings? Teil 1

Cloud Computing

Mit den Namen ist es so eine Sache, "Nomen est omen" sagen die einen, mit "Namen sind nur Schall und Rauch" hingegen weiß der zynische Goethe-Kenner seine Bildung und sein Missfallen gegenüber den Bezeichnern gleichsam auszudrücken. Betrachtet man die intrasparente Woge wohlklingender Wortschöpfungen aus dem Marketingbereich neigt man eher zu zweiter Ansicht. Das gilt auch und vor allem für den IT-Bereich.

Im Business-Umfeld reden alle immerwährend von Service Oriented Architectures, allerdings sollte man hier den Gesprächspartner besser nicht durch gezieltes Nachfragen über den Rand der Verlegenheit drängen. Dann gibt es noch Software as a service, und, das Haupt neigt sich schon zu demütiger Ehrfurcht, das neue Perpetuum Mobile Lieblingsprojekt der IT-Branche, Cloud Computing.

Cloud Computing steht derzeit wohl nahe am globalen Maximum des hysterischen Hypehorizonts. Es ist völlig klar, dass Cloud Computing alle Probleme die wo es nur gibt, auf einen Schlag lösen wird.

Thin Clients

Prinzipiell soll das so funktionieren: Wie Menschen, denen die Kundenbetreuung den letzten Tropfen geistiger Gesundheit genommen hat zu berichten wissen, gibt es einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Bevölkerung, der z.B. nicht zwischen Windows und Word unterscheiden kann und seinen PC mit den Worten "Er ist schwarz" beschreibt. In der projizierten Idealvorstellung des Cloud Computing kaufen sich solche Personen in Zukunft nur mehr einen billigen Thin Client, also z.B. einen Nettop, der gerade so ausreicht um einen Webbrowser drauf auszuführen. Mit diesem Webbrowser surft das wandelnde Layer 8 Problem dann auf die Seiten von Google oder Amazon und nutzt dort - je nach Geschäftsmodell - werbefinanzierte Webdienste oder bezahlt für Rechenzeit auf potenten Servern (z.B. bei Amazons Elastic Compute Cloud).

Zusätzlich zu dem, was er heute schon im Web macht, soll der Anwender künftig auch seine Bilder und Videos im Web bearbeiten, webbasierte MP3-Player nutzen (wie z.B. den Yahoo Web Player), selbst geschriebene Programme auf bereitgestellter Infrastruktur ausführen usw.

So hat man auch gleich eine Verwendung für die sonst recht nutzlos umherliegenden Nettops und Netbooks, die jetzt bei allen möglichen Mobilfunkprovidern verschleudert werden.

Green IT

Diese Begrifflichkeit stammt auch aus dem Buzzword-Bingo und sollte dem unreflektierenden Rezipienten das Gefühl geben, dass abgeholzte Regenwälder durch die ach so ökologisch rechnenden Serverfarmen wieder wachsen und ausgestorbene Walarten wieder in die Meere zurückgezaubert werden. Durch den niedrigeren Stromverbrauch der Nettops und Netbooks beim Kunden und die Ausführung der rechenintensiven Programme auf gut ausgelasteten und sparsamen Servern mit Virtualisierungstechnik soll das unter anderem erreicht werden.

Die Realität

Netbooks mögen ja niedlich sein und Intels Atom tatsächlich stromsparend, aber die Geräte dürften mit ihren leicht knarzenden, mit Kostendruck im Nacken verarbeiteten Plastikgehäusen und lächerlichen minimalistischen Herstellergarantien, eher von kurzer Lebensdauer sein. Man muss sich fragen, ob sie den Energieaufwand in Produktion und Lieferung mit ihrer lebenskurzen Sparsamkeit je wieder hereinholen werden.

Und serverseitig? Ist die Dollarnote wohl doch grüner als der Regenwald. Vielleicht kann man mit Virtualisierung, Konsolidierung und den guten alten Mainframes die Auslastung verbessern und somit Energie sparen. Aber gleichzeitig steigt die Nutzung von Internet und Computertechniken weltweit weiter und weiter. Und Anbieter setzen ja auch gerne auf Serverfarmen mit billigen Standardkomponenten, wie Google es vorgemacht hat. Das ist vermutlich so energieeffizient wie zum Lasttransport eine Flotte von 50 VW Polos statt eines LKWs einzusetzen, aber schön billig.

Es darf also bezweifelt werden, ob Cloud Computing wirklich die ökologische Universallösung zur Rettung der Regenwälder, Wale, Gletscher und Säbelzahntiger dieses Planeten ist.

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Frohe Weihnachten...

... allen die hier heute noch vorbeischauen und Weihnachten mögen. Und für diejenigen, die es vielleicht nicht so mögen oder deren Familien in Extremsituationen etwas anstrengend werden können, einfach dran denken - es könnte noch viel schlimmer sein:



(Happy Tree Friends Christmas)

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14
Dez
2008

Tausch mal was

Das ist jetzt zwar leider eine Krisengewinnler-Aktion, aber dafür eine Krisengewinnler-Aktion mit der ich hervorragend leben kann:

Die Polizei von L.A. organisiert eine Guns for Gifts Aktion, das heißt man kann seine Handfeuerwaffen gegen Warengutscheine für Supermärkte oder Computershops tauschen.

Natürlich ließ sich da angesichts der miserablen Wirtschaftslage relativ einfach ein großer Erfolg erzielen - trotzdem bedeutet jede Waffe weniger auf der Straße die potenzielle Vereitelung einer späteren Gewalttat (egal ob sie absichtlich oder unabsichtlich erfolgt).

Allerdings würden mir da auch gleich ein paar ähnliche Tauschmaßnahmen einfallen, die Österreich von Gefahrenquellen befreien würden:
  • Hedge-Fonds gegen Bausparverträge
  • Einsprachige Ortstafeln in Kärnten gegen Gutscheine für Trachtenmodehäuser
  • Innenministerposten gegen gut bezahlten, aber einflussmäßig eher begrenzt anzusiedelnden Diplomaten-/EU-/OECD-/Bundesratsposten für Maria Fekter
  • Kärnten gegen Südtirol
  • Klassenzimmerkreuze gegen das Friedenszeichen/ein schönes Poster/die unschuldige Weißheit einer unbehangenen Wand
  • Grinse-Populist Faymann gegen den Kaiser/Anarchosyndikalismus/utopisches suboptimales Regierungssystem persönlicher Wahl
  • Autobahnvignetten gegen Zuggutscheine...
  • ... und daraufhin ÖBB gegen SBB
  • iPhones gegen Selbstbewusstseinsseminare
  • Guthabenkarten für windige türkische (oder auch einheimische) Callshops in zwielichtigen Vierteln gegen Kurse über die Benutzung von Voice-over-IP

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7
Dez
2008

Einen schönen Wochenbeginn (liebe Europäer)

Heute warf mich eine grausame unglaubliche Tatsache rüde aus der Tagträumerei: die Amerikaner scheinen den Begriff Wochenende nicht sehr wörtlich zu nehmen und beginnen die Woche doch tatsächlich mit dem Sonntag.

Und das obwohl es mit ISO 8601 einen internationalen Standard gäbe, der genau die gewohnte Wochentagsreihenfolge vorschreiben würde. Aber die USA verhalten sich ja bekanntermaßen zu Standards wie Apple zu Preis-Leistungs-Verhältnis.

Man möchte zwar meinen, das würde einen als Europäer nicht betreffen. Doch, wenn man so wie ich die Programmiersprache Java verwendet um unter anderem die automatisch geloggte Zeit in XML-Dateien auszuwerten, dann kann sich ein solch einfaches Konstrukt schon als recht trügerisch erweisen:
TimeZone tz = TimeZone.getTimeZone("Europe/Berlin");
Calendar cal = new GregorianCalendar(tz);
Date date = new Date(timeInMs);
cal.setTime(date);
int day = cal.get(Calendar.DAY_OF_WEEK);
return day;
Die Tage sind zwar von 1-7 nummeriert, nur dass 1 eben Sonntag und 7 Samstag ist. Selbst wenn man mit
cal.setFirstDayOfWeek(Calendar.MONDAY);
dem Kalender den ersten Wochentag mit gebotener Brutalität einimpft, beharrt er trotzdem auf seiner puritanischen christlich-jüdisch-traditionellen Nummerierung.

Schade. Alle meine Wochentagsstatistiken sind jetzt falsch und eventuell sonst entstandene Langeweile wird durch die notwendige Neuerstellung im Keim erstickt werden. Aber es gibt Schlimmeres. Viel Schlimmeres.

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6
Dez
2008

Der Stand des Lächelns

Neulich mit A. und T. (beides Architektinnen) beim Bellini (ja ich weiß, aber man passt sich ja an) im Testarossa im Gespräch über Instant Messenger:

Ich: Ich versteh nicht, wenn ihr ICQ und MSN Kontakte habt, nehmt doch einen Multimessenger wie Pidgin, dann braucht ihr nur ein Programm laufen zu lassen um mit euren Kontakten zu chatten.
A.: Nein, zwei Programme sind gut, da hat man immer unterschiedliche Smilies.
T.: Und die Smilies im MSN-Messenger sind obendrein soooo niedlich.


Soviel zur unterschiedlichen Wahrnehmung zwischen männlichen Informatikern und weiblichen Architektinnen, wobei ich mich kaum entscheiden kann, ob Geschlecht oder Berufsfeld hier der größere Einflussfaktor ist.

Auf alle Fälle belegt es wieder einmal, warum mehr Frauen Informatik studieren sollten, um dem Feld einen Zugang zu dieser Denkweise zu verschaffen. Bei den meisten Informatikern spielt Ästhetik in der Balance zur Funktionalität nämlich eine eher nachgeordnete Rolle, was Technik im Erschaffen und folglich auch im Gebrauch zu einer stärkeren Männerdomäne macht.

Aber können Nerds sich wirklich nicht an grafisch nicht schmerzhafter Ästhetik versuchen? Entscheidet anhand der Smiley-Tabelle selbst (Pidgin und Psi sind Open-Source Messenger):

ImageBanana - smileytable.png

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3
Dez
2008

Geld arbeitet doch

Gestern bin ich zufällig abends in den neondurchfluteten, ästhetisch wenig ansprechenden und noch dazu ständig im Umbau befindlichen Gängen unseres Provinzuniversitätchens herumgeirrt und wollte eigentlich nur mein Quantum Trost in Gestalt von ubuntubraunem Fair-Trade-Automatenkaffee suchen. Doch des Schicksals grausamer Willkür ist es geschuldet, dass dieser letzte Funken studentischer Freude sich an der Hartnäckigkeit eines dienstverweigernden Münzeinwurfs erstickte.

Doch eine unverhoffte Rettung fand sich in der vermeintlich unzuverlässigen Elektronik - nach einer Phase der Verzweiflung erinnerte ich mich meiner Bankomatkarte mit Quick-Chip, die dem Automaten eventuell einen Plastikbecher zu schwachen, zu süßen, doch mangels Alternativen zu akzeptierenden Kaffees entlocken könnte.

Und tatsächlich - den ersehnten Koffeinschub sollte ich erhalten können. Als ich mich schon wieder entfernte, versammelte sich jedoch eine ganze Horde weiterer, von Spuren des Entzugs gezeichneter, Studenten vor dem in allen Religionen gemeinhin verehrten Kasten, Suchtmittelausgabestelle und sozialster Ort der Uni gleichzeitig.

Das Bild, das sich mir bot, war mitleidheischend - Studenten, die, entfernt an Bart Simpson erinnernd, Münzen einwarfen, aus dem Rückgabeschacht entnahmen, wieder einwarfen, diese Prozedur in blankem Entsetzen ob ihrer Vorahnung so oft wiederholten, bis sie die Realität auch in größter Kraftaufwendung nicht mehr leugnen konnten. Also appellierte ich an meine Hilfsbereitschaft und schlug den Kommilitonen vor, dass sie mir einfach das Geld geben könnten und dafür meinen Quick-Chip verwenden.

Eigentlich dachte ich, es wäre mit der Abfertigung der ersten Ansammlung getan, doch in erschreckender Ähnlichkeit zu Zombie-Film-Klischees, entkrochen immer mehr Personen der Gefangschaft ihrer Hörsäle und Rechnerräume um ihr Verlangen nach Kaffee zu stillen.

Somit war ich unverhofft in meiner Rolle gefangen und plötzlich so etwas wie ein Dienstleister - praktisch niemand hatte das Kaffeegeld passend und alle bestanden darauf, ich solle den Rest unbedingt "für den Service" behalten (Karte im Schlitz stecken lassen? wtf?). Nach weniger als 5 Minuten hatte ich den soeben getrunkenen Kaffee schon mehr als refinanziert.

Und da soll noch jemand sagen, Geld würde nicht arbeiten.

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1
Dez
2008

Kooperation = Korruption?

Boris Reitschuster schreibt in der Bunten (ähem, zu meiner Ehrenrettung: via) über die unterschiedliche Mentalität, die in Russland im beruflichen Zusammenleben herrscht.
Die Mitarbeiter verbünde dort ein wahres Wir-Gefühl gegenüber dem Arbeitgeber, der gemeinhin eher als Unterdrücker denn als netter Brötchengeber wahrgenommen wird.

Woher dieser kulturelle Unterschied stammen könnte, wird schnell klar, wenn man Russlands Geschichte und die Konstante des Kollektivismus darin betrachtet.

Eine Einstellung, die sich kaum geändert hat in 10 Jahren brutalen, zerstörerischen Kapitalismus in den 1990ern, der eigentlich nur Synonym für ausufernde Belohnung von Kriminalität und Skrupellosigkeit war. Auch den zarten Hauch allgemein steigenden Wohlstands (bei zunehmendem staatlichen Druck) der letzten 10 Jahre scheint diese Mentalität überstanden zu haben.

So seien Kollegen bemüht, sich gegenseitig bei kleinen Schwindeleien gegenüber dem institutionellen Feind zu decken; kleine Schwindeleien übrigens, die bei uns schon unter die Kategorie "große Betrügereien" fallen würden. Und genau hier liegt laut Reitschuster auch das Problem: Schnell führe so etwas zu Willkür, schlechtem Service und im öffentlichen Dienst zu Korruption.

Deswegen frage ich mich, ob es eigentlich keinen professionellen Umgang miteinander im Berufsleben gibt, der nicht zu mehr oder weniger großen Übeln ausartet? Kann es keinen annehmbaren Kompromiss zwischen unserer rücksichtslosen Ellenbogengesellschaft mit all ihren Burnout-Syndromen und Mobbing-Opfern und der russischen Willkürlichkeit geben?

Muss menschlicher Schwäche im Arbeitssystem (bzw. in jedem Prozess) immer irgendein Ventil gelassen werden - entweder intern gegenüber den Kollegen oder extern gegenüber den Kunden, die im Falle staatlicher Willkür nur allzu schnell zu Opfern werden?

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Kommentarlos

Eigentlich habe ich den Zwischenruf immer recht gerne gelesen - aber die Tatsache, dass heute einfach die Kommentarfunktion abgedreht wurde, mit der Begründung man wäre mit der Entwicklung der Diskussionen unzufrieden, finde ich etwas schwach.

Nicht allein die Tatsache, dass die Kommentarfunktion deaktiviert wurde (obwohl ich Diskussionsverbot und Zensur immer für die allerschlechteste Lösung halte), aber
  • warum genau wurde sie deaktiviert? Gab es Probleme mit ein paar pöbelnden Kommentatoren? Hätte man nicht einfach eine Registrierungspflicht für Kommentare stattdessen einführen können?
  • warum kann man alle bisherigen Kommentare nicht mehr sehen? Was hat das mit den nicht näher genannten Gründen der Deaktivierung zu tun?
Und lieber Darkwin und Zwischenrufer, weil ich das alles auf eurer Seite nicht mehr schreiben darf, gibt es es einfach als Trackback...

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24
Nov
2008

Medienkontrast

Die Berichterstattung über sogenannte Raubkopierer in unseren Medien ist hinlänglich bekannt; Raubkopierer sind asoziale Kriminelle, die arme, hart arbeitende ehrliche Studiobosse Künstler um ihren sauer verdienten Lohn bringen. Vor allem der Kölner Stadtanzeiger und die Süddeutsche Zeitung, sonst eigentlich ein Qualitätsblatt, betreiben in letzter Zeit massiv Lobbyarbeit für die Filmindustrie.

Zum Beispiel tönt die Süddeutsche Zeitung lautstark:
Dabei ist schon das Herunterladen von "rechtswidrig hergestellten Vorlagen" verboten.*
Doch nun der Kontrast. Der Schweizer Beobachter schreibt unter dem sensationstriefenden Titel Zugreifen! Alles Gratis! doch tatsächlich folgendes:
Die Streamingtechnik, bei der die Dateien nicht komplett transferiert, sondern gleich abgespielt werden, beschert auch Film- und Kinofreunden ein immer grösseres Gratisangebot. Im deutschsprachigen Raum besonders beliebt ist das Portal kino.to, das die Streams von verschiedenen Servern zentral verlinkt. Die Filme, darunter auch aktuelle Blockbuster und viele Serien, laufen direkt im Webbrowser ab, sofern die notwendigen Plugins wie etwa Adobes Flashplayer installiert sind. Mit einem Streamcatcher können die Filme dauerhaft auf Festplatte gebannt werden.
Linkes Kampfblatt? Nein, Axel Springer Verlag. Unglaublich!

*Dass das eine Halbwahrheit im Stil von FUD ist, erkennt man, wenn man sich die entsprechende Rechtslage in Deutschland und Österreich genauer ansieht.

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23
Nov
2008

Unwissenheit und Politmarketing

Bei wvs habe ich folgendes Video gefunden:


(Rick Shenkman - Just how stupid are we)

Der Autor von "Just how stupid are we" argumentiert, dass das amerikanische Volk über zu wenig Wissen verfüge, um informierte Entscheidungen über die Performance ihrer Regierung treffen zu können. Deswegen, so zumindest der unterschwellige Tenor, wäre Amerika keine richtige Demokratie.

Ich widerspreche Shenkman hier nur insofern, als dass ich glaube, dass der Unwissenheitsfaktor kein spezifisch amerikanisches Problem ist. Worum es in der geplanten EU-Verfassung, gegen die jeder irgendwie war, eigentlich konkret ging, war den meisten Österreichern nicht bekannt - eigentlich nicht einmal den meisten Politikern. In Irland haben Wähler gegen den Reformvertrag von Lissabon gestimmt, weil sie dagegen protestieren wollten, dass die irische Fluglinie Aer Lingus nicht mehr in Heathrow landet.

Josef Stalin erfreut sich in Russland ungebrochener Beliebtheit, wird im Land des Rechtsnihilismus quasi als Sinnbild vergangener Größe verehrt. Stalin muss nachhaltig wirksames Marketing betrieben haben, dass man ihm die 4-9 Millionen Todesopfer seiner Politik so großzügig verzeiht.

Und in einer Umfrage von 2005 sieht es in Österreich mit der allgemeinen politischen Bildung auch nicht gerade rosig aus: 8% der Befragten wussten nicht, welche Parteien die Regierung bilden. Das war damals vermutlich auch besser für die ÖVP.

Zwar bleibt Amerika die Hochburg der Truthiness, aber Unwissenheit und Ignoranz durchziehen andere Länder gleichermaßen. Das Missbrauchspotenzial steht in direktem Verhältnis zur Fähigkeit der Politiker, in Teilen bestehende Unwissenheit mit guter Selbstvermarktung zu füllen.

Es gelang Bush - er konnte einem großen Teil der amerikanischen Öffentlichkeit glaubhaft machen, dass Saddam Hussein hinter 9/11 stecken würde; aber genauso gut gelang es Strahlemann Karl-Heinz Grasser. Denn wer weiß heute schon, dass unter dem "besten Finanzminister aller Zeiten" Österreichs Neuverschuldung 2004 tatsächlich 4,4% (statt 1,2%) des BIP betrug?

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